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OBJEKT
Bei dem zu begutachtenden Objekt handelt es sich um die Pfarrkirche in
35260 Stadtallendorf - Wolferode.
Hier: Stichprobenhafte Untersuchung von bekannten Schäden durch Wassereinwirkung und eigene Untersuchungen am Glockenturm.
Die Untersuchung erfolgte visuell; mit Taschenlampe, Stemmeisen, Klopfholz und Latthammer um mögliche Schäden durch Spanabhebung oder Klopfproben lokalisieren zu können. Bohrkernproben wurden nicht entnommen.

AUFTRAGGEBER
Pfarrer Schiller, Pfarrkirche Stadtallendorf - Wolferode
35260 Stadtallendorf - Wolferode

BAUBERATUNG
Evangelische Kirche von Kurhessen- Waldeck, Frau Ebbighausen
Wilhelmshöher Allee 330, 43131 Kassel

Begehung der Kirche in Wolferode mit anschließender Schadensermittlung und -kartierung

Teilnehmer:
Herr Pfarrer Schiller
Herr Ortsvorsteher Novak, Mitglied des Kirchenvorstands
Herr Architekt Günther Mergel
Herr Dipl.-Ing. Christian Wächter
Herr lllien-Gutschmidt

Zweck der Begehung war eine erste Einschätzung des Schadensbildes mit anschließender detaillierter Ermittlung und Kartierung der Schadstellen im Bereich der beiden Ziergiebel und des Glockenturms der Wolferoder Kirche. Die Begehung fand statt im Auftrag der Kirchengemeinde Wolferode nach Beratung durch die Bauberatung der evangelischen Kirche Kurhessen und des Landesamtes für Denkmalschutz.

Zum Sachverhalt
Die Wolferoder Kirche liegt an einem Südosthang oberhalb des alten Dorfes. Die Firstlinie weicht einige Grade von der traditionellen Ost(Chor)-West(Schiff)-Richtung ab. Möglicherweise wurde bei der Fundamentierung vereinfachend die Höhenlinie des Hangs zur Ausrichtung des Gebäudes aufgenommen.
Die Kirche wurde im Jahre 1909 von dem Architekten Dauber umgebaut und teilweise erweitert. Dauber hat einige Bauwerke und auch Kirchenumbauten in Nordhessen realisiert und sich dabei an Formen und Stilelementen des Jugendstil orientiert.
Die Umbauten in Wolferode umfassen hierbei einen Anbau in südlicher Richtung, die den Turm und ein Seitenschiff mit Emporeneinbau umfassen. Zusätzlich wurde der gesamte Dachstuhl geändert bzw. ersetzt.
Das Seitenschiff wurde im wesentlichen als Steinbau errichtet, wobei der obere Teil der Südwand als Fachwerkwand mit umfangreichen Zierelementen ausgeführt wurde. Die ursprüngliche Südwand des Hauptschiffes wurde abgetragen und durch ein Gebinde aus einem Unterzug mit zwei starken Holzpfosten ersetzt, um das zusätzlich errichtete Seitenschiff samt Empore in den Kirchenraum einzubinden. Auf diesen Unterzug stützt sich die Südhälfte des Daches ebenso wie die Seitenschiffdecke und das abgeschleppte Seitenschiffdach. Die neue Südwand trägt zusätzlich den Fachwerkgiebel einer asymmetrisch angeordneten Satteldachgaube eines Zwerghauses.

Die gesamte Dachkonstruktion inklusive der Decke des Hauptschiffs wurde offensichtlich anlässlich des Umbaus vollständig erneuert. Bestandteil dieser Maßnahme ist auch die Giebelwand, die ab Höhe der Empore in reich verziertem Fachwerk neu erstellt wurde. Es weist eine Geschoßteilung sowohl auf Höhe der Hauptschiffdecke als auch der Kehlbalkenlage auf. Die Streben sind geschweift und achsensymmetrisch zur Giebelhochachse gespiegelt.

Die Deckenbalken über dem Hauptschiff sind in Längsrichtung verlegt und bilden nicht mehr das traditionelle Gebinde aus Deckenbalken und zwei Sparren. Die vorh. Konstruktion erfordert zwei kräftige Unterzüge winklig zur Gebäudeachse, die die gesamte Decke in drei etwa gleich große Felder unterteilen. Diese Unterzüge sind an Hängewerken befestigt, deren Hängepfosten gleichzeitig die Firstpfette und den Unterzug der Kehlbalkenlage tragen.

Konstruktiv sind die Hängepfosten und die Giebelpfosten mit konstruktionshohen Andreaskreuzen zu einem Windverband zusammengefasst, der in Anlehnung an konstruktive Merkmale des Holzständerbaus ausgeführt worden ist. Alle Pfosten, Riegel und Streben sind in ihren Anschlusspunkten überblattet und laufen über die gesamte Gebindehöhe bzw. -länge durch. Bemerkenswert ist die sorgfältige Materialwahl: Das Fichtenholz ist scharfkantig und teilweise als Kreuzholz eingeschnitten und bereits weit heruntergetrocknet. Die nur geringfügige Materialschwindung sorgt dafür, dass die Überblattungen noch vollkommen schlupffrei sind.

Der Glockenturm, der an der Südwestecke des Gebäudes angeordnet ist, besteht ebenfalls aus Fichtenholz, das vor nicht all zu langer Zeit einer Insektenbehandlung unterzogen wurde. Er ist bis zur Höhe der Deckenlage massiv ausgeführt. Darüber schließt sich eine Fachwerkkonstruktion mit jeweils achteckigen Sternlagen als unterem und oberen Abschluss. Darüber liegt die Glockenstube mit zwei nebeneinander hängenden Glocken, die in Firstrichtung schlagen. Den Turm schließt eine einfache welsche Haube.

Allgemeine Lage
Der Fachwerkgiebel an der Westseite ist umfangreich repariert worden, allerdings entspricht die Ausführung der Arbeiten nicht dem heutigem Stand der Handwerkskunst. Die ohnehin schwierige Wasserführung an reich verzierten Jugendstilfachwerken wurde durch unglückliche Materialwahl und nicht fertig durchkonstruierten Zierelemente zusätzlich verschärft. Reparaturstücke sind nicht ordnungsgemäß kraftschlüssig angeschlossen worden und ihre Profilierung fördert nicht die Haltbarkeit der Ersatzstücke. Der Anstrich ist mit einer filmbildenden Farbe (Acryllack/Dispersionsfarbe?) ausgeführt, die an allen Anschlüssen zwischen Putz und Holz sowie zwischen den einzelnen Konstruktionshölzern gerissen ist und sich von den Untergründen gelöst hat.

Reparaturbedarf
Am westlichen Fachwerkgiebel müssen sämtliche Füße der Pfosten und Streben neu angearbeitet werden. Anlässlich einer Sanierung vor rund 30 Jahren sind alle Füße ca. 15 - 20 cm abgeschnitten und mit einem Klotz stumpf unterlegt worden. Dieser Klotz wurde jeweils von außen und innen mit einer Bohle "gesichert". Abgesehen davon, dass die äußeren Reparaturbohlen weder in Faserrichtung der zugehörigen Hölzer eingebaut noch wasserläufig profiliert wurden, sind sie nur jeweils mit zwei bis drei Drahtstiften gesichert. Insgesamt kann man so mit von einer Standsicherheit der Wandscheiben kaum ausgehen.

Hier ist unbedingt ein sachgerechter Anschluss eines Reparaturfußes mit Überblattung erforderlich, um einen knicksicheren Anschluss der Pfosten und Streben an die jeweiligen Schwellen zu gewährleisten. Im Bereich der Empore hinter der Orgel wird die Reparatur durch eine innere Vormauerung, deren Sinn und Zweck sich zunächst nicht erschließt, erschwert.

Die Verformungen und Risse der Putzflächen im Bereich der Fachwerkwände lassen auf ein Einsinken der Fachwerkgebinde im Bereich der Reparaturstücke schließen. Die undichten Anschlüsse und Schwundrisse der Reparaturstücke lassen ein Einsickern größerer Wassermassen mit anschließender Zersetzung der konstruktiven Hölzer vermuten. Die "aufgerollte" Innenfensterbank der Fenster hinter der Orgel weist ebenfalls auf die Verformungen des Fachwerks hin.

Die Ausmauerung der Gefache erfolgte nach der seinerzeitigen Reparatur mit großflächigen Bimsbauplatten, der Putz wurde nicht flächenbündig ausgeführt. Beide Maßnahmen sind nach dem aktuellen Stand der Handwerkskunst nicht optimal hinsichtlich ihres Witterungsschutzes. Hinzu kommt noch, dass Gefache, die neu ausgemauert wurden, offensichtlich mit sehr harten, vermutlich zementhaltigen Putzen bearbeitet wurden. Deren bauphysikalische Eigenschaften wie Diffusionsverhalten und Elastizität machen sie für eine Kombination mit einem Holzfachwerk ungeeignet.

Problematisch ist der Unterhaltungszustand der Fenster. Die vergleichsweise schlanken Profile haben sich unter der Last der schweren Bleiglasscheiben stark verzogen. Die Wetterschenkel sind stark verrottet und können die Wasserführung nach außen nicht mehr gewährleisten. Gleiches gilt für die Kittfalze, in denen die Holzflächen ebenfalls stark verwittert sind und in denen der Kitt zum größten Teil heraus gebrochen ist. Die Gesamtsituation wird nochmals dadurch verschärft, dass die äußeren Fensterbänke Kontergefälle in Richtung Gebäudeinnerem aufweisen.

Die dekorativen Hölzer, die im Bereich der Fenster auf die Pfosten aufgesetzt wurden, sind zum Teil wegen mangelhafter Materialwahl sehr stark verzogen und weisen starke Schwundrisse auf. Zusätzlich hätte durch leichte Änderungen in der Profilierung eine insgesamt bessere Wasserführung und damit eine reduzierte Witterungsbelastung der Dekorhölzer und der Anschlussflächen an den Pfosten erzielen lassen.

Turm
Die Turmkonstruktion ist in Nadelholz ausgeführt. Sie weist einen großflächigen inaktiven Insektenbefall auf, der durch großflächiges Abbeilen und Imprägnieren mit Insektenschutzmittel (Geruchsprobe) bekämpft wurde. Nach dem Abbeilen wurden an allen Sichtseiten der Konstruktionshölzer Bretter aufgenagelt, deren Funktion sich auch nicht unmittelbar erschließt.

Bei einem Probegeläut waren erhebliche Bewegungen im Turmfachwerk festzustellen. Die Glocken hängen nebeneinander in einem Stahlglockenstuhl und verursachen bei synchronem Schlagen Schwankungen des Turms, während bei asynchronem Schlagen deutliche Torsionsbewegungen zu beobachten sind. Ursächlich für diese Bewegungsfreiheit sind die offenen Stöße zwischen Riegeln und Pfosten, offene Scherblätter der Schwellenkränze der beiden Sternlagen und offene Sassen der Streben. Teilweise sind die offenen Verbindungen Folge des durch Insektenbefall zerstörten Holzes, teilweise ist feuchtebedingte Verrottung des Holzes Ursache der klaffenden Verbindungen.

Der Stahlglockenstuhl ist unzureichend über Sattelhölzer (Traversen) an der oberen Sternlage des Turms befestigt. Die verwendeten 12er Maschinenschrauben sind nicht mit zusätzlichen Unterlagscheiben eingebaut. Daher sind die Bohrlöcher in den Hölzern ausgeschlagen und geben dem Glockenstuhl zunehmenden Spielraum.

Reparaturmaßnahmen
1. Alle nachträglich aufgenagelten Bretter sind zu entfernen, um weitere Schadensanalyse zu betreiben.

2. Die nicht abschließend abgebeilten Flächen mit Insektenbefall müssten fertig gesäubert werden, um im Falle von Witterungsbelastungen die Wasserstaugefahr zu verringern.

3. Sämtliche offenen Stöße im Turmfachwerk müssen ausgeklotzt werden, die Verblattungen der Sternlagen sind durch Verschraubungen zu sichern.

4. Der östlichste Turmpfosten weist in Höhe des zweiten Riegelzuges starke Schäden auf und müsste durch ein passendes Reparaturstück gesichert werden.

5. Es wäre zu überlegen, ob zur weiteren Schwingungsdämpfung im Turm konstruktionshohe Andreaskreuze eingebaut werden sollten

6. Eines der Turmfenster nach Westen ist undicht, eventuell sollte die Überdeckung der Laibung durch den Schiefer überprüft werden.

7. Der Glockenstuhl muß sachgerecht an der oberen Sternlage des Turmfachwerks befestigt werden

Ungeklärtes
Am rechten Abschlusspfosten des unteren westlichen Fachwerkgebindes sind von außen zwei Bolzen zu erkennen. Möglicherweise handelt es sich hier um eine Rücksicherungsmaßnahme, allerdings sind im Innern keine Spuren von Gegenlagern zu erkennen.

Aufgestellt: 03. April 2002, Peter Illien-Gutschmidt

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akt.: 05-01-2013

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